{"id":297,"date":"2025-06-09T16:25:00","date_gmt":"2025-06-09T14:25:00","guid":{"rendered":"https:\/\/nonkongress.noblogs.org\/?p=297"},"modified":"2025-06-09T16:25:00","modified_gmt":"2025-06-09T14:25:00","slug":"das-ende-eines-bewegungszyklus-ueber-die-linke-und-einen-neuen-anfang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nonkongress.noblogs.org\/?p=297","title":{"rendered":"Das Ende eines Bewegungszyklus. \u00dcber die Linke und einen neuen Anfang"},"content":{"rendered":"<p>Ein Zyklus emanzipatorischer Bewegungen ist an sein Ende gekommen. 1968 in Gang gebracht, hielt er bis zuletzt, durch etliche Auf- und Abschw\u00fcnge hindurch, einen emanzipatorischen Gegenpol zum kapitalistischen System aufrecht. Die in den 1990ern entstandene Linke (mit der hier nicht die Partei gemeint ist) stellt seine letzte Phase dar. W\u00e4hrend sie bis vielleicht 2014 noch einige Erfolge erringen konnte, befindet sie sich heute im Zustand progredierenden Zerfalls.<\/p>\n<p>Dies ist umso dramatischer, als mit dem Klimakollaps, dem Faschismus und dem Krieg die Katastrophe im wahrsten Sinne dieses Wortes vor uns steht. Eine gesellschaftliche Gegenkraft ist nicht in Aussicht. Eine solche kann, aufgrund der radikalen Zuspitzung unserer Situation, nur mehr in einer revolution\u00e4ren Politik bestehen. Doch eben diese kann mit den politischen Grundlagen der Linken nicht mehr formuliert werden, die darum in der gegenw\u00e4rtigen Situation zu keiner effektiven Praxis mehr in der Lage ist und sich in einer unaufl\u00f6sbaren Krise befindet. Diese historische Z\u00e4sur erfordert einen politischen Neuanfang, und daf\u00fcr zun\u00e4chst die Kritik und den Bruch mit der Linken, und in der Folge die Neugr\u00fcndung eines Milieus revolution\u00e4rer Intellektueller. Erste, noch unkoordinierte Entwicklungen in diese neue Richtung vollziehen sich bereits.<\/p>\n<h2 class=\"western\">Eine historische Bewegung<\/h2>\n<p>\u201eDie Linke\u201c: dies gilt heute als durch und durch positive Kategorie von fast universaler Reichweite. Es versteht sich von selbst, dass, wer sich als progressiv, widerst\u00e4ndig, emanzipatorisch positioniert, sich als links identifiziert. Andererseits versteht es sich sogar in gewisser Weise von selbst, links zu sein: Linkssein ist gleichsam \u201edie\u201c politische Identit\u00e4t. Die Linke erscheint heute als das \u00fcbergreifende Kollektiv aller progressiven Kr\u00e4fte, und dr\u00fcckt, so differenziert und zerstritten sie auch sein m\u00f6gen, deren gemeinsamen Kern aus: die emanzipatorische Identit\u00e4t. Dies scheint ganz selbstverst\u00e4ndlich so zu sein, immer schon so gewesen zu sein.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich handelt es sich bei der Linken nicht um progressive Identit\u00e4t \u00fcberhaupt, sondern um eine historisch spezifische Politik- und Organisationsform, die sich erst ab Anfang der 1990er Jahre herausgebildet hat. Erst damals wurde \u2013 so registriert Walter G. Neumann, ein zeitgen\u00f6ssischer Beobachter \u2013 das Linkssein zur allgemeinverst\u00e4ndlichen Vokabel politischer Identit\u00e4t. Der Begriff der Linken wurde schlie\u00dflich so selbstverst\u00e4ndlich, dass ihn die Partei \u201eDIE LINKE\u201c in den 2000er Jahren f\u00fcr sich beanspruchen konnte.<\/p>\n<p>Auch die radikale Linke ist widerspr\u00fcchlicher Teil dieser historischen Formation: Zwar w\u00fcrde sie sich darin von der Linken abgrenzen, dass sie die Systemfrage stellt und auch extralegale Mittel anwendet. Andererseits versteht sie sich doch als Teil der \u00fcbergreifenden Linken und agiert in ihr und auf sie einwirkend, um ihrer Radikalit\u00e4t gegen\u00fcber der Gesellschaft oder auch nur der Linken Geltung zu verschaffen.<\/p>\n<p>Das Wort \u201elinks\u201c an sich hat zwar eine lange Geschichte. Fr\u00fcher wurde es aber haupts\u00e4chlich f\u00fcr die parlamentarische Positionierung verwendet, daran orientiert dann auch f\u00fcr links-\/rechts-Unterscheidungen innerhalb von politischen Str\u00f6mungen verwendet, zum Beispiel der linke Radikalismus (Lenin), Linksabweichler, Linkskommunismus, die Hegelsche Linke. Der Begriff einer Linken sui generis als real handelndes Kollektiv und Kern politischer Identit\u00e4t ist demgegen\u00fcber, obwohl er so \u00fcberhistorisch wirkt, neu. Das \u00fcbergreifende Kollektiv der emanzipatorischen Bewegung wurde fr\u00fcher jedoch nicht \u201edie Linke\u201c genannt, sondern in verschiedenen Schattierungen Arbeiterbewegung, Internationale, Antifaschismus, sowie als Teil-Kollektive Kommunismus, Anarchismus, Sozialismus, Frauenbewegung, Antiimperialismus und dergleichen.<\/p>\n<p>Was es fr\u00fcher jedoch durchaus gab, waren Versuche, eine Linke sui generis zu gr\u00fcnden, eben wegen der teils extremen Gegens\u00e4tze \u201ein der Linken\u201c (die es damals eben nicht so wie heute gab) und angesichts gemeinsamer Feinde. Beispielsweise versuchte in Deutschland die 1931 gegr\u00fcndete zentristische Sozialistische Arbeiterpartei (SAPD, ein prominentes Mitglied war Willy Brandt), die Spaltung der Arbeiterbewegung zu \u00fcberwinden, blieb aber gegen\u00fcber den verfeindeten SPD und KPD relativ bedeutungslos. Die von Oskar Negt herausgegebene Publikation <i>Die Linke antwortet J\u00fcrgen Habermas<\/i> brachte 1969 eine Reihe linker Stimmen aus zusammen, die sich gemeinsam Habermas\u2018 Attacken gegen die westdeutsche Studierendenbewegung entgegenstellten. Auch in seiner Rede auf dem immens erfolgreichen Solidarit\u00e4tskongress f\u00fcr Angela Davis im Jahr 1972 entwarf Negt die Strategie einer verschiedene Str\u00f6mungen und gesellschaftliche Gruppen \u00fcbergreifenden Linken. Insbesondere sollte diese Linke die Neue Linke \u2013 die 68er \u2013 und die \u201ealte\u201c Linke \u2013 die Arbeiterbewegung \u2013 verbinden. Zu dieser geh\u00f6rte etwa Wolfgang Abendroth, der auch in Negts Sammelband geschrieben und auf dem Angela-Davis-Kongress gesprochen hatte, und Negt Strategie teilte. Allerdings schlossen Negt und Abendroth damals die RAF und ihre riesige Solidarit\u00e4tsbewegung kategorisch aus der Linken aus. Die RAFler seien einfach nur unpolitische Kriminelle. Die von Negt und anderen damals verfolgte Gr\u00fcndung einer Linken ist nicht zuletzt wegen dieses Ausschlusses von Linken aus der Linken gescheitert.<\/p>\n<p>Mit der Neue Linke bezeichnete sich erstmals eine kollektive politische Str\u00f6mung als Linke. Sie war jedoch, im Gegensatz zu Negts Projekt, noch keine Linke sui generis. \u201eNeu\u201c meinte hier immer noch etwas Konkretes: die \u00dcberwindung des \u00d6konomismus der Arbeiterbewegung, antiautorit\u00e4re Emanzipationsprinzipien, die Befreiung der Bed\u00fcrfnisse und die Einbeziehung des Antikolonialismus und sp\u00e4ter auch des Feminismus. Mit diesen neuen Prinzipien er\u00f6ffnete 1968 ein politisches Feld, in dem sich alle seitherigen Bewegungen \u2013 sei es die K-Gruppen, die \u00d6kologiebewegung, die Autonomen, die Wertkritik \u2013 verortet haben. Dennoch haben sie den Begriff der Linken nicht benutzt, um sich in ein \u00fcbergreifendes, als real unterstelltes Kollektiv der Linken zu einzubeziehen. Die Gr\u00fcnen haben den Begriff der Linken in ihrer Anfangszeit sogar explizit f\u00fcr sich abgelehnt, wie an dem Buchtitel <i>Die Gr\u00fcnen. Nicht links nicht rechts sondern vorne<\/i> (1985) von Fritjof Capra und Charlene Spretnak deutlich wird.<\/p>\n<h2 class=\"western\">Kritik der Linken<\/h2>\n<p>1990 \u00e4nderte sich die Situation sehr grundlegend, so dass es in der Folge m\u00f6glich war, eine Linke sui generis aufzubauen, der sich auch die Alte Linke anschlie\u00dfen konnte. Der Zusammenbruch der Sowjetunion f\u00fchrte zu einem endg\u00fcltigen gesellschaftlichen Bedeutungsverlust der Linken und lie\u00df sie den Druck des Antikommunismus mit voller Sch\u00e4rfe sp\u00fcren, also den Druck, sich von Kommunismus und Revolution zu distanzieren. Die \u00fcbergreifende politische Identit\u00e4t der Neuen Linken, wie sie trotz aller Zerw\u00fcrfnisse in den 1980er Jahren noch gegeben war, ging zun\u00e4chst verloren. Es wurde jedoch bald notwendig, angesichts dieser Marginalisierung und einer neuen Qualit\u00e4t rechtsradikaler Mobilisierung (\u201eBaseballschl\u00e4gerjahre\u201c), alte Differenzen beiseitezulegen und ein neues, \u00fcbergreifendes Kollektiv zu begr\u00fcnden. Man machte aus der Not der fehlenden \u00fcbergreifenden Identit\u00e4t eine Tugend, und bezeichnete sich als Linke &#8211; und distanzierte sich damit zugleich von Kommunismus bzw. Stalinismus. Schlusspunkt und Zementierung dieser Entwicklung markierte das Umfallen der Gr\u00fcnen in der rot-gr\u00fcnen Koalition 1998.<\/p>\n<p>Diese historischen Ursachen der Linken zeigen aber auch schon ihre Probleme an. Anders als fr\u00fchere politische Identit\u00e4ten und Kollektive wie Arbeiterbewegung oder die Neue Linke ist der Begriff der Linken ganz abstrakt: Er enth\u00e4lt keinerlei Bezug mehr auf eine soziale Situation oder Strategie, sondern bezieht sich allein auf die Orientierung in der b\u00fcrgerlichen repr\u00e4sentativen Demokratie. Links zu sein hei\u00dft im Grunde nur, f\u00fcr die Verwirklichung der b\u00fcrgerlichen Ideale zu k\u00e4mpfen, also f\u00fcr Freiheit, Gleichheit und Solidarit\u00e4t. Wof\u00fcr die Linke wirklich eintritt, bleibt unbestimmt, und darum kann sie auch nur moralisch an politische Probleme herangehen, sie anhand ihrer Ideale bewerten und ihnen Utopien \u2013 \u201ewie es eigentlich sein sollte\u201c \u2013 gegen\u00fcberstellen.<\/p>\n<p>Auch das Kollektiv der Linken ist als real immer nur unterstellt, oder real nur in der Anrufung, links zu sein. F\u00fcr diese Anrufung muss sie aber ihre abstrakten Ideale stets zu einem \u201ewahren\u201c Links konkretisieren, was immer dazu f\u00fchrt, ein \u201efalsches\u201c Links auszuschlie\u00dfen. Diese \u201efalschen\u201c Linken verstehen sich aber in aller Regel selbst durchaus als links: Antiautorit\u00e4re Linke schlie\u00dfen beispielsweise Gr\u00fcne und Leninist*innen aus, Gr\u00fcne dagegen Linke, die die Systemfrage stellen und f\u00fcr sie gewaltbereite, verfassungsfeindliche Linksextreme sind. Andererseits verstehen sich auch Stalinistinnen und Maoistinnen als links, obwohl ihnen das sonst vielleicht nur noch von Leninistinnen zugestanden wird. Solche Spaltungen gibt es zwar schon seit langer Zeit, sie entz\u00fcnden sich heute aber meist an den Definitionen des Linksseins, was den \u201eSpaltpilz\u201c nochmal versch\u00e4rft hat. Paradoxerweise, denn die Abstraktheit der Linken sollte ja gerade verbinden, doch konnte sie dies von Beginn an nur durch Ausschl\u00fcsse realisieren.<\/p>\n<p>Trotz dieser Probleme stellte die Linke dabei durchaus eine gewisse Gegenkraft zur herrschenden Politik dar, nicht zuletzt durch die Impulse der Antiglobalisierungsbewegung, den Mobilisierungen gegen die Agenda 2010 und die Proteste nach der Weltwirtschaftskrise von 2008, mit diversen Erfolgen wie den Zapatistas, dem sozialen Brasilien unter Lula oder dem Sturz Mubaraks. Sie konnte dies, weil sie programmatisch auf breite B\u00fcndnisse setzte und eine gro\u00dfe Kompromissbereitschaft zeigte. Dies erm\u00f6glichte es ihr, sowohl innerhalb b\u00fcrgerlicher Institutionen wie Universit\u00e4ten, Gewerkschaften und Kulturinstitutionen erfolgreich zu agieren, als auch eigene b\u00fcrgerliche Institutionen, nicht zuletzt die Linkspartei aufzubauen. Der Preis daf\u00fcr war zwar eine geh\u00f6rige Entradikalisierung, also eine Distanz von einem offensiven Antikapitalismus, dennoch gelang es ihr damit, einen Gegenpol zum Neoliberalismus sowie auch zum Kapitalismus insgesamt aufzurichten, indem in der Linken die reale M\u00f6glichkeit einer <i>ganz anderen Welt<\/i> (Altermondialismus) lebendig gehalten wurde.<\/p>\n<h2 class=\"western\">Abschlie\u00dfung der Linken gegen die Revolution<\/h2>\n<p>Diese Strategie gelangte jedoch Anfang der 2010er Jahre mit den Niederlagen der globalen Aufst\u00e4nde und Krisenproteste an ihr Ende und hat sich seither ins Gegenteil verkehrt. Im Verlauf der 2010er Jahre wurde die deutsche Linke gewisserma\u00dfen ein Kopf ohne K\u00f6rper, da ihr die Bewegungsbasis abhanden ging und sie auf die b\u00fcrgerlichen Institutionen reduziert wurde. Sie ist heute im Grunde lediglich noch ein Konglomerat von linken Institutionen bzw. linken Teilen von Staatsapparaten, und besteht im Wesentlichen aus Intellektuellen, die durch ihr Linkssein Geld verdienen. Nicht selten konnten diese auch ihre Herkunft aus den Bewegungen in b\u00fcrgerliche Karrieren \u00fcberf\u00fchren. Dieses institutionelle Konglomerat umfasst linke NGOs, Professuren an den Universit\u00e4ten, linke Gewerkschaftsfraktionen, Sozialberatung, Behinderteninklusion, Linkspartei, Kulturinstitutionen, Influencer*innen, Journalist*innen, linke Stiftungen. Es kommt noch eine erhebliche Menge an Intellektuellen hinzu, die darauf hinarbeiten, dort ein angemessenes (nicht nur prek\u00e4res) Einkommen zu erzielen. Diese institutionelle Linke reproduziert sich nicht in erster Linie politisch, sondern durch die Karriereinteressen linker Intellektueller.<\/p>\n<p>Mit der Repr\u00e4sentation linker Opposition in b\u00fcrgerlichen Institutionen, also auch der Kanalisierung von Kritik und Protest in b\u00fcrgerliche Bahnen produziert dieses institutionelle Konglomerat sehr n\u00fctzliche Effekte f\u00fcr den derzeitigen Kapitalismus. Die Einstiegsvoraussetzung ist darum auch die Unterwerfung unter den Antikommunismus, das hei\u00dft, dass die Systemfrage nicht gestellt wird. Stattdessen wird das sogenannte realpolitische Argument bem\u00fcht, n\u00e4mlich dass es \u201ereal\u201c vielf\u00e4ltige M\u00f6glichkeiten f\u00fcr progressive Politik gibt, die sich immer wieder er\u00f6ffnen und in denen man konkret viel Gutes tun kann. Von Utopien und einer anderen Gesellschaft zu sprechen, ist hier kein Widerspruch, weil die Utopie nur versprochen, von der anderen Gesellschaft nur erz\u00e4hlt werden muss, solange es keine revolution\u00e4re Bewegung gibt. Die Systemfrage w\u00e4re nicht abstrakt, sondern konkret zu stellen und w\u00fcrde nicht zuletzt bedeuten, die Herrschaftsfunktionen der eigenen Institution \u00f6ffentlich zu benennen.<\/p>\n<p>Dass konkrete antikapitalistische Minimalforderungen mehrheitsf\u00e4hig sind, zeigt die Verstaatlichung von Immobilienkonzernen, f\u00fcr die 2021 die Mehrheit der Berliner*innen im Volksentscheid gestimmt hatten. Die Berliner Linkspartei, die die breite Zustimmung f\u00fcr den Volksentscheid im Wahlkampf f\u00fcr sich benutzt hatte, nahm nach der Wahl die Verstaatlichungsforderung zur\u00fcck, um 2022 eine erneute rot-rot-gr\u00fcne Koalition eingehen zu k\u00f6nnen. Auch wenn die Linkspartei sich im Parteiprogramm zum Sozialismus bekennt, bleibt dieser eine Phrase. Sie bedeutet im Konkreten nichts.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend es in den linken Institutionen fr\u00fcher, auch noch in den 0er Jahren, noch recht erheblichen Raum f\u00fcr solche radikale Kritik gab, schlie\u00dfen sie sich zuletzt zunehmend dagegen ab. Dies liegt an der fortschreitenden Marginalisierung der Linken und der Bedrohung der gesellschaftlichen Anerkennung der linken Intellektuellen, die deren Einkommens- und Karrierem\u00f6glichkeiten gef\u00e4hrdet. Die Linke reagiert darauf durch Abschlie\u00dfung gegen die Bem\u00fchungen, die Systemfrage in Theorie und Praxis zu konkretisieren. Argumentiert wird dabei unterschiedlich: die Linke stelle bereits die Systemfrage, da sie f\u00fcr den Sozialismus eintrete und zuletzt vermehrt an neuen utopischen Erz\u00e4hlungen gearbeitet habe; die Interventionen f\u00fcr eine systemkritische Wendung der Linken seien zu vage und m\u00fcssten erst ausgearbeitet werden, um ernsthaft diskutiert zu werden; oder sie werden unmittelbar mit dem Neoleninismus in eins geworfen und als \u201eautorit\u00e4r\u201c ausgegrenzt.<\/p>\n<p>Innerhalb der Linkspartei wurden diese schon l\u00e4nger vorhandenen Abschlie\u00dfungstendenzen durch die in gro\u00dfem Konsens erfolgte Wahl der neuen Vorsitzenden Ines Schwerdtner und Jan van Aken zementiert. Die Partei hat sich damit f\u00fcr eine qualitativ neue Ausrichtung entschieden: eine Synthese des sozialpolitischen und des minderheiten- und umweltpolitischen Lagers, deren Streit die Partei in den letzten Jahren nahezu zerrissen hatte. Diese Synthese gelang, indem der utopistisch-moralische Stil des letzteren Lagers (\u201ewir sind die Progressiven und Guten, h\u00f6rt endlich auf uns\u201c) mit den sozialpolitischen Inhalten des anderen verbunden wurde. Der alte Widerspruch, der die Partei zu zerrei\u00dfen drohte, ist damit auf durchaus raffinierte Weise in einen Modus gebracht worden, in dem der Streit befriedet ist: in einen Sozialpopulismus, der den sozialen Inhalt in moralischer Form artikuliert. Die beiden neuen Vorsitzenden traten in den Reden zu ihrer Wahl genau damit auf: Van Aken erkl\u00e4rte, dass die Reichen reich seien, weil sie den Armen das Geld weggenommen h\u00e4tten \u2013 was schlicht falsch ist. Schwerdtner erkl\u00e4rte, dass die Linkspartei jetzt Klassenkampf mache \u2013 aber eine parlamentarische Partei kann keinen Klassenkampf machen. Beides klingt gut und radikal, hat aber mit Systemkritik nichts zu tun. Gerade um die Forderung nach Verstaatlichung von Wohnimmobilien hat die Linkspartei in Wahlprogramm und -kampagne f\u00fcr die j\u00fcngste Bundestagswahl einen Bogen gemacht, obwohl sie die Mietensituation zu ihrem zentralen Wahlkampfthema gemacht hatte. Jan van Aken hat sie nur einmal gegen Ende des Wahlkampfes kurz aufgeworfen, dann verschwand sie wieder.<\/p>\n<p>Nach dem enormen Wahlerfolg der Linkspartei und 50.000 Neumitgliedern sehen viele Kommunist*innen und Linksradikale in ihr nun eine neue sozialistische Klassenpartei mit antikapitalistischem Potenzial entstehen. Diesen Zuspruch hat die Partei aber nicht aufgrund einer antikapitalistischen Perspektive, sondern weil sie sich zu Themen wie Grundeigentum und Krieg nicht positioniert hat, von einer grunds\u00e4tzlichen Kritik des neoliberalen Kapitalismus abgesehen und sich stattdessen mit wenigen und konkreten reformistischen Forderungen begn\u00fcgt hat. Erst dieser Revisionismus hat den Zustrom derer, die mit dem Rechtsruck von SPD und Gr\u00fcnen unzufrieden waren, erm\u00f6glicht. Nach der Wahl ist die Partei diesem Revisionismus treu geblieben und hat sich bei weiterhin radikaler Rhetorik als respektable Oppositionspartei verhalten. Die Zustimmung der regierenden Linksparteien in Bremen und Mecklenburg-Vorpommern zur imperialistischen Wiederaufr\u00fcstung Deutschlands stellt daher keinen Bruch dar, sondern zeigt lediglich die Sozialdemokratisierung der Linkspartei in aller Deutlichkeit. Der neuen Linkspartei geht es um begrenzte materielle Interessen im Hier und Jetzt. Sie ist damit vollends Teil des Systems geworden, gerade in ihrer Inszenierung von Radikalit\u00e4t.<\/p>\n<h2 class=\"western\">Bruch mit der Linken<\/h2>\n<p>Auf dem Boden des Kapitalismus wird die Klimakatastrophe nicht abgewendet werden k\u00f6nnen, und der gemeinsame Kampf mit den demokratischen Kr\u00e4ften gegen die Faschisierungstendenzen verteidigt nur die Krise, die dieselben hervorbringen. Um angesichts dieser auf uns zurollenden Katastrophe agieren zu k\u00f6nnen, ist eine offensive revolution\u00e4re Praxis n\u00f6tig. Zu eben dieser ist die Linke aber nicht mehr in der Lage. Mit ihrer strukturell bedingten Abschlie\u00dfung gegen eine revolution\u00e4re Erneuerung kommt damit der 1968 begonnene Bewegungszyklus zu seinem Ende. Der damalige Aufbruch, der so immense Energien freigesetzt hatte, dass wir bis zuletzt davon gezehrt haben, ist heute ersch\u00f6pft: Seine Energien wurden vom System teils angeeignet, teils zerschlagen, teils haben sie sich selbst zerst\u00f6rt. Der Zyklus ist zu Ende gegangen, \u00e4hnlich wie der vorige der Arbeiterbewegung, der zwischen Sozialdemokratie, Faschismus und Stalinismus zermalmt wurde.<\/p>\n<p>Heute stellt sich die Aufgabe einer Neugr\u00fcndung der revolution\u00e4ren Bewegung. Daf\u00fcr muss der Bruch mit der Linken vollzogen werden. Erste, noch unkoordinierte Schritte in diese Richtung entwickeln sich in einem derzeit neu entstehenden radikalen Milieu politischer Intellektueller, das beispielsweise in der Ausstellung \u201eIlliberal Arts\u201c im Haus der Kulturen der Welt (HKW) aus dem Jahr 2021 oder auf dem NON-Kongress vom Juni 2024 (beides in Berlin) in Erscheinung getreten ist. Dieses Milieu ist noch kein organisierter Zusammenhang, sondern eine gesellschaftlich-kulturelle Str\u00f6mung, es sind viele Einzelne, die unabh\u00e4ngig voneinander in dieselbe Richtung gehen.<\/p>\n<p>Ihnen ist gemein, dass sie ein neues revolution\u00e4res Subjekt in jener absoluten Subalterne erkennen, die sich in den letzten f\u00fcnfzehn, zwanzig Jahren als eine qualitativ neue Klasse auf globaler Stufenleiter entwickelt hat, und die sie mit Begriffen wie Surplus-Proletariat, Non-Bewegungen oder Identit\u00e4tslose zu fassen versuchen. Sie hat nichts mehr mit der gut integrierten, verb\u00fcrgerlichten Arbeiterklasse der letzten Jahrzehnte zu tun; eher kehrt in ihr das Proletariat des 19. Jahrhunderts wieder, wie es von Marx beschrieben wurde. Heute w\u00e4ren dies etwa die saisonalen migrantischen Landarbeiter*innen; Menschen aus der kapitalistischen Peripherie, deren Lebengrundlagen von der Klimakatastrophe zerst\u00f6rt werden; Queers, die jede geschlechtliche Kategorie sprengen; oder all diejenigen, die durch KI ihrer Verdienstm\u00f6glichkeit enteignet wurden oder deren Arbeit radikal degradiert wurde. Es sind absolute Randgruppen, die, wiewohl vom System produziert, nirgends eine Zugeh\u00f6rigkeit zu ihm beanspruchen k\u00f6nnen. Darin unterscheiden sie sich von den Klassen der letzten Jahrzehnte, etwa die Industriearbeiterklasse, den Bauern und Landarbeiter*innen, die Dienstleistungs- und kreative Klasse, selbst das Prekariat. Einiges spricht daf\u00fcr, dass diese neue Klasse, die nichts zu verlieren hat als ihre Ketten, sich k\u00fcnftig als zentrale Dimension der globalen Herrschaftstotalit\u00e4t geltend machen wird.<b> <\/b><\/p>\n<p>In diesem Milieu haben sich zwei divergierende Richtungen herausgebildet:<\/p>\n<p>1. Die eine Richtung ist eine im weitesten Sinne an den Marxismus anschlie\u00dfende Theoriearbeit, die auf eine Konstruktion des gegenw\u00e4rtigen Systems in seiner Totalit\u00e4t hinarbeitet. Dazu geh\u00f6rt wesentlich die Auseinandersetzung mit Antonio Negri und <i>Empire<\/i>, dem letzten gro\u00dfen (post-)marxistischen Entwurf, der um 2000 versuchte, das System des globalen Imperialismus in seiner Gesamtverfassung darzustellen, und der auf breiteste Resonanz in der damaligen Bewegung stie\u00df. Ausgehend davon wird diskutiert, wie und an welchen Stellen sich das System bis heute ver\u00e4ndert hat und wo Negris strategische Schlussfolgerungen, die ja gescheitert sind, von heute aus zu kritisieren ist. Ein weiteres Feld bilden die Arbeiten um die Wiederaufnahme der praktisch-revolution\u00e4ren Rezeptionslinie der Kritischen Theorie, die insbesondere mit dem Namen Hans-J\u00fcrgen Krahl verbunden ist und die nach 1968 europaweit \u00e4u\u00dferst einflussreich wurde, aber sp\u00e4testens um 1980 abgebrochen sind. Ebenfalls geh\u00f6ren die Analysen um die Neuformierung des Kapitalismus im Angesicht der Klimakatastrophe hinzu, in der zur Zeit \u2013 bisher nicht absehbar \u2013 eine neue Struktur zwischen den derzeit dominanten, aber antagonistischen Kr\u00e4ften von \u00f6kologischem und fossilem Kapitalismus, autorit\u00e4rem Neoliberalismus und Faschisierungstendenzen in Entwicklung begriffen ist. Ein Beispiel ist die Publikation \u201eZeit der \u00d6kologie \u2013 das neue Akkumulationsregime\u201c des Autor*innenkollektivs aus der brennenden h\u00fctte.<\/p>\n<p>2. Die andere Richtung dieses Milieus zu ist kulturrevolution\u00e4r sowie literarisch-k\u00fcnstlerisch ausgerichtet und schlie\u00dft daher weniger an die objektive marxistische Tradition als an kulturrevolution\u00e4re, etwa surrealistische Experimente an. Am deutlichsten wird sie derzeit wohl in einer gewissen militanten Queer-Bewegung (Paul Preciado), die sich auch den neuen queeren Identit\u00e4ts- und Verwandtschaftsangeboten verweigert, und einer neuen negativistischen Kunst (Virginie Despentes). Sie versucht eine Antwort auf die Frage zu finden, was radikale Befreiung unter den gegenw\u00e4rtigen Bedingungen und zuk\u00fcnftig hei\u00dfen kann. Ihr Einsatzpunkt ist eine grunds\u00e4tzliche Kompromisslosigkeit gegen\u00fcber dem Bestehenden. Das Einverst\u00e4ndnis mit diesem macht seine Gewalt ertr\u00e4glicher \u2013 f\u00fcr den eigenen K\u00f6rper, aber auch in Karriereperspektiven \u2013, verlangt daf\u00fcr aber eine freiwillige Unterwerfung. Diese \u201egro\u00dfe Verweigerung\u201c (Marcuse) hat jedoch ihren Preis. Sie erfordert eine radikale Des-Identifikation und widersetzt sich den erleichternden \u201eemanzipatorischen\u201c Re-Identifikationen in utopistischen Narrativen, Rauschzust\u00e4nden oder subkulturellen Freizeiterlebnissen. Oft hat sie selbstzerst\u00f6rerische Konsequenzen, da es nur mehr die prek\u00e4re antisystemische Solidarit\u00e4t ist, die gegen die Gewalt des Systems sch\u00fctzt. Die Befreiung, wie sie hier gefasst ist, kann sich nur als Bruch mit den b\u00fcrgerlichen Institutionen (Familie, Kunstwelt, die \u201egute Gesellschaft\u201c) und damit als Beginn einer Kulturrevolution vollziehen. Hier wird ein neuer Befreiungsbegriff kenntlich, der durch seine radikale Desidentifikation negativistische und eben darum ungemein produktive Energien zu entbinden imstande ist. Indem er kulturrevolution\u00e4r um Liebe und Sexualit\u00e4t und \u00e4sthetisch um eine revolution\u00e4re Sinnlichkeit kreist, l\u00e4sst er die M\u00f6glichkeit des Gl\u00fccks erneut erahnen.<\/p>\n<p>Der Gegensatz zwischen diesen beiden Richtungen verspricht, anders als in der Linken, kein selbstbez\u00fcglicher Grabenkampf, sondern in seiner Sch\u00e4rfe enorm produktiv zu werden. Er ist genau genommen nicht neu, sondern hat die radikalen Bewegungen immer schon bestimmt, zum Beispiel als Sozial- und K\u00fcnstlerkritik von 1968 oder auch schon 1789 (dazu Peter Weiss: \u201eMarat\/Sade). Wenn auch dieses heutige Milieu noch unscharf ist und vieles noch zu entwickeln und zu konkretisieren ist, tut sich in ihm daher eine neue, seit langem verlorene Radikalit\u00e4t auf, die sich nicht mehr auf die Suche nach dem richtigen Links begibt, und sich nicht mehr in taktischen Zugest\u00e4ndnissen verliert und tatkr\u00e4ftig am Betrieb des bestehenden Systems mitarbeitet, um einige kleine Erfolge durchzubekommen. Sie wird zwar mit hergebrachten Gewissheiten und vertrauten sozialen Milieus brechen m\u00fcssen, er\u00f6ffnet daf\u00fcr aber einen neuen Weg des Widerstands und einer radikalen Freiheit.<\/p>\n<p>Dieser neue Anfang wird nicht unmittelbar in einer revolution\u00e4ren Bewegung und Organisation zum Tragen kommen. Es sind sehr wenige Militante, die hier neue Wege suchen, und es besteht heute keine Perspektive mehr f\u00fcr die kurzfristige Bildung einer revolution\u00e4ren Gegenkraft, wie sie n\u00f6tig w\u00e4re, um die Katastrophe effektiv verhindern zu k\u00f6nnen. Vielleicht kann dies aber in einiger Zeit gelingen. Die Perspektive w\u00e4re es dann, in der Katastrophe Widerstand und Solidarit\u00e4t zu organisieren und so gegen die noch schlimmere Katastrophe zu k\u00e4mpfen \u2013 gegen weitere Klimakippunkte, gegen die Abschottung vor Massen, die vor dem steigenden Meeresspiegel fliehen, gegen weitere Faschisierung.<\/p>\n<p>Es kommen d\u00fcstere Zeiten auf uns zu \u2013 daran gibt es nichts sch\u00f6n zu reden. Dennoch sollten wir uns nicht dem Pessimismus und der Resignation hingeben. Eine Perspektive des Widerstands und des Kampfes in der Katastrophe ist m\u00f6glich. Um diese M\u00f6glichkeit real wird, ist jedoch einiges an Vorbereitungsarbeit n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Emanuel Kapfinger, 23.03.2025<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Zyklus emanzipatorischer Bewegungen ist an sein Ende gekommen. 1968 in Gang gebracht, hielt er bis zuletzt, durch etliche Auf- und Abschw\u00fcnge hindurch, einen emanzipatorischen Gegenpol zum kapitalistischen System aufrecht. 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